IRENE PREGIZER
MALEREI

Eyes Wide Shut
Irene Pregizers „Zwischen-Blicke“

Irene Pregizer hat ihre neuen Bilder unter dem Obertitel „Zwischen-Blicke“ zusammengefasst. Darunter  versammelt sie unterschiedliche Werkserien von Landschaften, aber auch Bahnhofsszenen. An den neuen Landschaften ist auffällig, dass die Malerin sich nach vorangegangenen, intensiven Wald- und Feldstudien nun vorrangig dem Motiv der Wasserlandschaft zugewandt hat. Pregizer findet eindrucksvolle Seen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Die Northeimer Seenplatte beherrscht die Landschaft, wo die Künstlerin ihren Wohnsitz hat, und fällt ihr bei ausgedehnten Spaziergängen immer wieder ins Auge. Diese Seen sind künstliche. Ihre Entstehung verdankt sich der Kiesförderung am Ort. Die Pontons, Kräne, Bagger und Förderbänder, die es für den Abbau braucht, verknüpfen sich eng mit dem Bild der Seen. Die Anwohner sind so sehr an ihren Anblick gewöhnt, dass sie für sie in gewisser Weise fast schon zu einem Teil der Landschaft geworden sind. Es geht in den Bildern nicht um die Inszenierung eines dramatischen Gegensatzes zwischen Natur und Kultur, sondern Industrie und Landschaft verbinden sich in harmonischer Symbiose. Wenn Pregizer in Untertiteln die mächtigen Geräte der Kiesförderung „Muttertiere“ nennt, könnte diese Allianz nicht deutlicher sein.
Die Vermählung von Natur und Kultur setzt Pregizer auf äußerst diskrete Weise ins Werk. Wenn Industrieartefakte und Naturwachstum zusammen ins Bild treten, prallen bei ihr nicht zwei unterschiedliche Ausdruckssprachen grell und schrill aufeinander: hier die den Gesetzen des rechten Winkels folgende Konstruktion, dort die den Gesetzen des organischen Werdens folgende Lineatur. Sondern die Hervorbringungen von Natur und Kultur folgen beide nur einem einzigen Gesetz: dem der Malerin. Sie setzt die Dinge nach Maßgabe ihrer Vorstellung ins Bild. Auch wenn sich Pregizer für ihre Malerei der mnemotechnischen Dienste des Fotoapparates versichert, ist die dokumentarische Treue des Bildes das letzte, an dem ihr gelegen ist. Ihre Malerei ist zwar gegenständlich, aber alles andere als realistisch. Nicht die Linse des Fotoapparates bestimmt darüber, in welchen Farben und Formen die Malerin ihren Gegenstand auf die Leinwand bringt, sondern allein ihr persönliches Temperament und ihre Mentalität. Nach der Temperatur ihrer Idiosynkrasien messen sich die Hitze- und Kältegrade ihrer Bilder. Das Sehen ist bei der Genese der Werke der alles entscheidende Akt und den überlässt die Künstlerin nicht der Kamera, sondern für den will sie nur selbst verantwortlich sein. 
Ihr persönlicher Blick färbt die Landschaften, auf die sie blickt. Gleichgültig, in welchen Farben und Formen die Fotografien diese Landschaften vor ihr ausbreiten. Pregizer entscheidet über Format und Anschnitte ihrer Bilder, über die lasierenden Fakturen und durchscheinenden Oberflächen, über die modulierenden und harmonisierenden Farben. Stets sind ihre Bilder in eine gemeinsame Farbatmosphäre getaucht, in die alle Gegenstände, die das Werk zeigt, gleichermaßen mit eingebunden sind. Das graue Licht, das auf dem Bagger und Förderband in der Wasserlandschaft aus dem Jahre 2005 liegt, wiederholt sich auf der spiegelnden Wasseroberfläche. Die filigrane Zeichnung der Maschinen  findet ein Echo in der feinen Zeichnung der Blätter im Vordergrund des Bildes. Das satte Grün der Büsche wiederum setzt sich fort bis in den Leinwandhintergrund hinein und umfängt dort auf sanfte Weise die technischen Geräte. Die lichten Stellen im Gebüsch, in denen sich die Sonne bricht, wandern ebenfalls über die Wasser bis hin zu dem Förderband, das, von ihnen berührt, auf diese Weise ganz leicht und durchscheinend wirkt. Nicht als eine die Natur brutal und brachial attackierende Maschine, sondern als integraler Teil von ihr.
In dem Bild der Wasserlandschaft aus dem Jahre 2006 rückt die Förderanlage weiter in den Vordergrund. Außerdem hebt sie sich mit einem Geflecht von grauen, braunen und schwarzen Strichen deutlicher von dem grünblauen Bild der Landschaft ab. Indes im Grunde nicht mehr als ein markant gemalter Baum mit seinen Zweigen das tun würde. Wieder ist der Eindruck des Bildes nicht der einer Lädierung und Zurichtung der Natur durch die Eingriffe der Technik, sondern einer von Einheit und Zugehörigkeit. Das trifft selbst auf die Wasserlandschaften zu, die vom Bild großer Pontons beherrscht werden, die sich braun und rostig durch das einladende, blaue Wasser ziehen. Irene Pregizer weiß die wechselseitigen Kolorite ihrer Motive so gelingend aufeinander zu beziehen, dass auch nicht der Hauch einer Dissonanz ihre Gemeinschaft stört. Wie technoide Dinosaurier ruhen die runden Tonnen an ihren länglichen Verbindungsstangen in der Flut, als hätten sie schon immer dort gelegen. Die enge Kommunion zwischen Natur und Technik wird noch eindringlicher, wenn die Malerin – was sie häufig tut – ein Motiv wie die Förderanlage aus dem Jahre 2006 in fortlaufender Reihe wie eine fotografische Sequenz mit leichten, fokussierenden Verschiebungen auf die Leinwand bringt.
Mit solcher Allianz von Natur und Kultur, hergestellt wie nebenbei aus der gelingenden Symbiose aller Elemente, die ihre Bilder konstituieren, inszeniert Irene Pregizer eine neue Form von Romantik, die mit den romantischen Vorstellungen vergangener Zeiten wenig zu tun hat. In den Bildern der Künstlerin geht es nicht um Weltflucht, in der die Natur zur idyllischen Heimstatt zivilisations- und technikmüder Seelen wird. Sondern in diesen Bildern geht es um eine  Utopie, in der sich als Einheit präsentiert, was in der Regel gegensätzlich gedacht wird: Kultur und Natur, Artefakt und Organ, Technik und Leben. Das ist eine Programmatik, von der Pregizers Kunst weniger erzählt als handelt und die sie in erster Linie auf der Ebene des Bildes verwirklicht. Vor jeder inhaltlichen Mitteilung geht es dieser Künstlerin um die gelingende Form. Auf der Suche nach der stimmigen Komposition löst sie ihr Thema prozesshaft auf. Nicht nur, indem sie ein und dasselbe Motiv in stets neuer und anderer Beleuchtung ins Werk setzt. Sondern auch durch die serielle Reihung, in der sie einen identischen Blickpunkt und eine bestimmte Perspektive bei leichter Modifizierung immer wieder aufs Neue auf ihre Validität hin überprüft und durchdekliniert. Das hat wenig mit inhaltlicher, viel dagegen mit formaler Plausibilität zu tun.
Auch die künstlerische Haltung, in der Irene Pregizer zu solchen  eher magischen als rationalen Allianzen in ihren Bildern findet, ist von einem Sehen bestimmt, das weder mit dem registrierenden Blick der Kamera noch mit dem forschenden Blick des Wissenschaftlers viel gemein hat. Sondern es ist ein Sehen, das ein Privileg des Künstlers oder auch des Mystiker ist. Ein Sehen hinter geschlossenen Lidern. Eyes Wide Shut, wie der Filmemacher Stanley Kubrick das einmal genannt hat. In solcher Optik sieht man die Dinge deutlicher. Übernatürlich deutlich. Solcher Optik verraten sie Konturen, die nur Iuzide Hellsichtigkeit auszumachen versteht. Sie ist das Privileg weit geschlossener Augen. Sie sehen, wie sich das eigentlich Disparate und Dissonante zur Einheit fügen. Wie die stählernen Schienenstränge der Eisenbahn wie lebendige, silbrige Flüsse durch die Landschaft gleiten. Oder wie die banalen Reisenden auf Bahnhöfen zu bedeutungsvollen Widergängern aus einer anderen Welt werden. Beim Blick auf die magischen Allianzen und ungewohnten Symbiosen in den Bildern von Irene Pregizer kommen dem Betrachter die letzten Zeilen aus einem nachgelassenen Romanfragment von Hugo von Hofmannsthal in den Sinn: „Und er (Andreas) sah, dass ein Blick von hoch oben ausreichte, um alles Getrennte zu vereinigen.“                                                                                                   Michael Stoeber