IRENE PREGIZER
MALEREI

Zu Bildern von Irene Pregizer: Paysage intime – vertraute Landschaft 2011       interregio

Leicht liegt ungetrübtes Schönwetterblau hinter waldigem Dunkelgrün, das rapsgelb durchtränkte Farbfelder säumt. Im Vordergrund beginnt sich, ausgehend vom linken Bildrand, ein Regionalzug, einer dicken roten Raupe gleich, genüsslich, aber nichts desto trotz unablässig auf direktem Schienenweg durch diesen malerischen Landschaftsprospekt hindurch zu fressen: Bilder mitten aus dem Herzen Südniedersachsens.
Man kann die spontane Einordnung von Irene Pregizers Werk mit Rückblick auf die Tradition der Bildgattung „Landschaftsmalerei“ über gezielte Ansprache einzelner Merkmale hinaus absichern: klassische Bildkomposition, romantische Lichtregie und realistische Bildausschnitte. In den Bildern selbst sucht man die innere Notwendigkeit für solch eine Verankerung allerdings vergeblich. Sie brauchen sie nicht. Bestechen sie doch gerade durch den unhinterfragten, sicheren Zugang zum Dargestellten. Obwohl sie auf topographische Eindeutigkeit – klar erkennbare Kirchtürme, genau bestimmbare Orts- oder Bahnhofsschilder – verzichten und so jedes allzu punktgenaue „Das ist…“ in ein räumlich gedehntes „Das könnte sein…“ verwandeln, trifft man beim Durchstreifen ihrer Bildwelt nie auf Unbestimmbares, Fremdartiges oder gar Unerklärliches. Einen markanten Punkt auf der Landkarte Niedersachsens markieren die Bilder Irene Pregizers nicht. Es ist völlig unerheblich, unter welchem Brückenpfeiler und an welchem sich quer über drei Leinwände erstreckenden und zum Mäandrieren zu trägen Fluss auf dem Weg zwischen Northeim und Göttingen tatsächlich noch wollweiße Schafe in saftigem Grün grasen. Wir wissen es einfach: Sie tun es, und das Tag für Tag, in tiefster Gemütsruhe.
Zu wild bewegten Fernsehbildern, die mit ungehemmtem Blick in die Ferne die Welt zum global village zusammenschrumpfen, hält die Malerei von Irene Pregizer Abstand. Stattdessen rufen ihre Bilderserien, Winter- und Sommerreise betitelt, absichtsvoll und von zahllosen Zügen des Nahverkehrs durchzogen, den romantischen Reisetopos Ludwig Tiecks, Wilhelm Müllers oder Eichendorffs auf. Wie einst die genannten Romantiker in ihren Gedichten, Erzählungen und vertonten Liedern führen auch Irene Pregizers Bilder das müde, unstet gewordene Auge weg von städtischer, laut leuchtender Geselligkeit hinaus in die Stille der Region.
Schon althochdeutsche Quellen kennen und benennen die Region. Sie definiert sich - ein Gebiet, mehr noch eine Gegend - nicht über konkret gezogene Grenzlinien, sondern über ihre zahlreichen Übergangszonen, Zwischenräume und Schwellengebiete, die sie von ihrem begrifflichen Gegenüber - der Stadt - abgrenzen. Die Stadt vereinnahmt. Sie dringt auf einen ein, fordert konsequent und unnachgiebig Beteiligung am gesellschaftlichen Leben und Lebensstil. Das Umland ist dagegen ein Begriff, dem zwar die topologische Konsequenz zu fehlen scheint, Die Region bietet dagegen einen, wenn auch nicht klar lokalisierbaren, so doch zeitstabilen und beschreibungsresistenten Raum für jedermann. Erfahrbar wird die Region erst, wenn man sich in ihr bewegt, sich im Durchwandern, Durchreisen oder auch nur im Durcheilen in ihr sieht, sich umsieht und sie anblickt.
Und genau dieser Blick ist es, der die Bilder Irene Pregizers zweifelsfrei von den bildlichen wie poetischen Selbstfindungseskapaden der romantischen Vergangenheit trennt.
Staffagefiguren, das malerische Echo innerer Ergriffenheit, sucht man in diesen Bildern vergeblich. Entgegen jeder pathetischen Inszenierung der Natur lagern in blaugraurosaweiß schimmernder Gleichgültigkeit winterlichen Altschnees mitten auf einem Abstellplatz am Rande eines Industriegebietes, Reifen und Kisten unbestimmten Inhalts, verlieren Lastwagenspuren in herrlich schmutzigem Weißgrau langsam jede klare Kontur.
Piktoralen Einträgen in ein Fahrtenbuch vergleichbar, in manchen Fällen auf nicht mehr als einer Postkartengröße, wird hier Gesehenes wie auch das Sehen selbst protokolliert:
Vorübereilende herbstlich durchbräunte Randbepflanzung an Bahngleisen, flüchtig fröstelnde Aussichten auf kahle, im sie umgebenden Weiß längst eingefrorene Büsche zwischen Oberleitungsmasten, nur zufällig in Blickfeld geratene, sich augenblicklich auch schon wieder in der Bewegung verflüchtigende, unbeschriebene Gebäuderückseiten und das semitransparente Spiel der Spiegelung von Spiegelungen in abgetönten Fenstern anfahrender Züge – heute, morgen, übermorgen ....
Tagtäglich auf ein Neues schicken die Bilder Irene Pregizers in ihrer malerischen Mischung aus Verankern und Vorüberziehen den Blick auf Betrachtungsreise. Sein Auftrag ist es dabei nicht, Neuigkeiten für sich und andere zu entdecken. Es soll ihm vielmehr in dem räumlich-zeitlichen Kontinuum der Region eine vertraute Landschaft entstehen, die ihn sicher und zuverlässig umgibt und ihm die Einsicht möglich macht, in dieser bekannten Umgebung schlussendlich bei sich zu sein.                                                                  Anja Marrack