IRENE PREGIZER
MALEREI

real,- / Installation im Weißen Saal

Ein Blick hinein in das dichte grüne Laubwerk eines Baumes mit in der Sonne flirrenden Blättern und in die Weite eines blauen Himmels. Stilvoll überfangen von einem Arkadenbogen und abschließend ebenso stilvoll gerahmt von zwei Säulen, bietet sich im Weißen Saal der klassische Fernblick der Landschaftsmalerei dar. Doch der Durchblick in die Landschaft erfolgt nicht unbeschadet. Er wird unterbrochen, ja aufgehalten von blätterlosem, weiß gestrichenem Geäst, das in den Arkadenbogen eingeklemmt, wurzellos in ihn hineingezwängt wurde. Anders als das Bild dahinter, das Äste und Zweige eines Baumes darstellt, handelt es sich bei dem Zwischenstopp in der Betrachtung um echte Äste und Zweige. Anders als beim Bild vom Gegenstand liegt hier tatsächlich der Gegenstand vor, der weiß übermalt, paradoxerweise kein bisschen realistisch, sondern geradezu fremd wirkt.

Mit diesem kleinen, aber extrem wirkungsvollen Kunstgriff hat Irene Pregizer unter Einbeziehung ihrer eigenen Landschaftsmalerei hinsichtlich der Rede von realistischer Malerei ein für allemal klare Positionen geschaffen: Bilder werden genau dann problemlos als Darstellung von Realität angesehen, wenn sie vorrangig die Eigenschaften abbilden, die als typisch oder charakteristisch für den abgebildeten Gegenstand angesehen werden. Es geht bei dieser Rede von der realistischen Darstellung also weit weniger um eine detaillierte oder/und getreue Wiedergabe der Landschaft. Als realistisch gilt vielmehr, was sich im Zusammenhang mit Kategorien präsentiert, mit denen wir unsere Welt üblicher Weise erfassen. Die Landschaftsbilder von Irene Pregizer nutzen genau jene ihnen aus der Alltagswahrnehmung zuwachsende Überzeugungskraft. So hat der Himmel seinen unumstößlichen Platz stets über dem Horizont und dort ist er, was er in erster Linie auch zu sein hat: himmelblau. Busch- und Baumreihen leuchten in je nach Jahreszeit leicht variierenden Grüntönen. Helle Straßenmarkierung hebt sich deutlich vom Dunkel der Straße ab und das Logo des Discounters ist in Schrifttype und Farbe genau so, wie man es kennt und wie man es jeden Tag im Vorüberfahren sieht. Hier wirkt alles so, wie beim Blick aus dem Fenster. Und so akzeptiert man auch die verschwommenen Formen von Grün und Blau bereitwillig – weil ja sonst alles stimmt – als Blick aus dem fahrenden Auto. Das gelingt zunächst so überzeugend, dass selbst die Buchstabenkette  r e a l,- , die Irene Pregizer wie Wasserzeichen ihren Bildern eindrückt oder hinter dem Ausblick auf eine Straßenrandbegrünung durchscheinen lässt, zunächst als ungewollte Spiegelung in der Scheibe eines vorbeifahrenden Autos zu erkennen ist. Und das, obwohl der deutliche Schriftzug im Gegensatz zu den nur flüchtig ausgeführten Landschaftsprospekten steht.

So kann ein Schriftzug, leicht lesbar und mit geradezu konkreter Bedeutung verbunden – ganz wie zuvor die weiß getünchten Äste vor die Bilder von Ästen – ohne zu irritieren mitten hinein in das Bild von Landschaft gesetzt werden. Was zunächst ausschließlich unbeschwert stimmigen Ausblick suggeriert, zeigt sich hier als feinsinnig angelegter Einblick, der Funken schlägt aus der verborgenen Offensichtlichkeit seiner Konstruktion.                                                                                                    Anja Marrack