IRENE PREGIZER
MALEREI

Nur ein Versprechen
Zu den neuen Werkserien von Irene Pregizer            entre tierras

In ihren neuen Werkserien „Hochland“ und „Weißes Land“ wagt sich Irene Pregizer an ein Genre, das so alt ist wie die Malerei selbst, die Tier- und Landschaftsdarstellung. Schon in den Höhlen der Steinzeit haben Künstler Tiere und Landschaften dargestellt, auch wenn sie dabei weniger ästhetischen als pragmatischen Zwecken folgten. Malen war – so nehmen wir an – für sie ein Beschwörungsritual, um die gefährliche Wirklichkeit im Akt der Gestaltung zu unterwerfen. Allerdings – dahinter werden auch ganz allgemein Wunsch und Wille zur Orientierung deutlich. Und dieses Bedürfnis, sich in der Welt zu Recht zu finden, beherrscht die Kunst bis heute. Es wirkt auch in die aktuellen Bilder von Irene Pregizer hinein.
Die beiden Werkserien sind unterschiedlich und doch ähnlich. Die Bilder von „Hochland“ bringen uns die nördliche Andenlandschaft nahe zwischen Atacama-Wüste und Altiplano mit heißen, wasserlosen Tagen und klirrend kalten Nächten. Irene Pregizer wurde in Argentinien geboren und hat dort bis zu ihrer Einschulung gelebt. Dann ist sie mit ihren Eltern nach Deutschland zurückgekehrt, hat aber Argentinien später wiederholt auf Reisen besucht. Das „Weiße Land“ dagegen führt uns hoch in den Norden Europas und zeigt uns die Polarnacht in Lappland. Es ist ein Land im ewigen Schnee, einsam, kaum von Menschen besiedelt, wo Nomaden ihre Rentierherden gegen wildernde Wölfe zu verteidigen suchen. Was die Länder bei aller Unterschiedlichkeit eint ist die Härte ihrer Lebensbedingungen. Der Mensch kämpft dort in einer ebenso stillen wie wilden, ebenso unberührten wie mitleidlosen Natur um sein Überleben.
Irene Pregizers Bilder halten Rituale der Jagd und des Paarungsverhaltens fest, die von einem genetischen Programm erzählen, das tief verankert scheint in der tierischen Natur. Da sind die zarten und fragilen rosa Flamingos, die des Nachts in den Salzseen der Anden einfrieren und am Tage von der glühenden Sonne wieder befreit werden. Wenn sie einmal im Jahr umeinander werben, ist das ein überaus beeindruckendes Schauspiel. Ihr Schreiten, Tanzen und Flügel Ausbreiten hat sich in Jahrtausenden nicht verändert. Nicht anders verhält es sich mit den nach Beute jagenden Wölfen in Lappland. Sie folgen einer Choreografie, deren einzelne Schritte nicht weniger verbindlich festgelegt sind. Mit ihr unterwerfen sie sich einem uralten Naturgesetz des Fressens oder Gefressen Werdens, das offenbar keinerlei freie Entscheidung zulässt.
Für Irene Pregizer ist der Blick auf die Nord- und Südhälfte unseres Globus Anlass, um im Licht neuerer Hirnforschung darüber nachzudenken, wie es um die menschliche Willensfreiheit bestellt ist. Wenn sie ihre Werkserien durch den Obertitel „Entre tierras“ verbindet, ist das ein parabelhafter Hinweis darauf, dass der Mensch letztlich – auch das ein uraltes Programm - hin und her gerissen ist zwischen seiner tierischen Natur, dem, was Sigmund Freud als „Es“ bezeichnet hat, und seiner möglichen Kraft zur Erhebung daraus. „Wo Es war, soll Ich werden.“, heißt es bei Freud. Aber im Angesicht einer ebenso mächtigen wie dumpfen Natur wird nur allzu deutlich, wie dünn das Eis zivilisatorischer Bemühung ist. Stets aufs Neue, nicht mehr als ein Programm zur Befreiung. Ein bloßes Versprechen, kein selbst verständlicher Automatismus.
Allein diese Gedankengänge machen deutlich, dass es Irene Pregizer auch in ihren neuen Bildern nicht um eine naturalistisch mimetische Darstellung von Landschafts- und Naturereignissen geht. Dass ihr an Illusionismus und Naturähnlichkeit wenig gelegen ist, verdeutlichen die vielen Partien in ihren Bildern, in denen das Fiktionale der Form über den Naturalismus des Inhalts triumphiert. Impressionistische und abstrahierende Elemente stellen sich gegen eine wirklichkeitsgetreue Darstellung. Lokalfarben werden zu Kunstfarben. Die Eigenfarbe der Leinwand ergänzt das Farbspektrum der Komposition. Fragmentarische und unausgemalte Partien betonen den Kunst- und Artefaktcharakter der Bilder. Wie auch der weiße Spachtel, der unübersehbar deutlich vorangegangene Malversuche überdeckt.
So hat der Betrachter manchmal zu Unrecht den Eindruck von Schichtenmalerei, wo Irene Pregizer in kruder Manier nichts anderes macht als auszustreichen, was ihr nicht darstellungswürdig erscheint, um auf eben diesem Grund einen neuen Anfang zu versuchen. Der Spachtel gibt die Textur vor für die nachfolgende Bildfigur. Als Sperrgrund verhindert er zugleich das Wegfließen der Farbe. Irene Pregizers Malmittel ist dünnflüssiges Acryl, das sie wie Wasserfarbe aufträgt, oft in der Manier eines Aquarells, lasierend und manchmal kaum deckend. Sie arbeitet schnell und präzise, folgt einer inneren Vorstellung stärker als dem Gebot äußerer Repräsentation. Dabei nimmt sie bewusst Verzeichnungen in Kauf. Wenn ihre Flamingos ihrer eigenen Einschätzung nach „schwerfällig wirken wie Elefanten“ ist das dem Fiktionalisierungswillen der Künstlerin geschuldet.
Dem folgen auch die Kompositionen ihrer Bilder. Obwohl Irene Pregizer die Länder und die Landschaften, die sie thematisiert, zum Teil selbst bereist hat, sind ihre Bilder stets montiert. Da wandern eigene Eindrücke ins Bild, die sich mit erblätterten und im Film oder Fernsehen geschauten Impressionen verbinden. Das ist eine Fiktionalisierung, die im Dienste besserer Kenntlichkeit steht. Wenn das mörderische Ballett von Jagen und Fliehen der Wölfe und Rentiere seinen Anfang nimmt, hat die Malerin ihnen in ihren Bildern bereits eine entsprechende Bühne bereitet. Von fahlem Licht übergossen, folgen sie dort ihren uralten Instinkten, und wir schauen zu wie in einem Traum. Er ist wirklich und unwirklich zugleich. Wie die Werke von Irene Pregizer, für die in besonderer Weise das schöne Wort von Maurice Denis gilt, dass, bevor ein Bild ein Porträt, eine Schlachtenszene oder eine Liebesromanze ist, es Farbe und Form auf Leinwand ist.                                                                                                             Michael Stoeber